Viva Warszawa

Steffen Möller ist wohl der bekannteste Deutsche in Polen – zumindest einer der bekanntesten. Er lebt seit mehr als 20 Jahren dort, ist Lehrer, spielt in Fernsehserien mit. Am 26 Mai  weilte er in Ganderkesee um unter dem Titel „Keine Angst vor Polen“ ein gelungenes Gastspiel als Begleitmusik zur angestrebten Städtepartnerschaft Ganderkesee -Pultusk zu geben, in dessen Verlauf er auch sein Buch „Viva Warszawa – Polen für Fortgeschrittene“ vorstellte, mit dem er ein Loblied auf die wohl unbekannteste Hauptstadt Europas geschrieben hat. Und das wohl zu Recht, liest man dieses amüsant und locker geschriebene Buch.

Oder eben Steffen Möller zuhört.

Warschau ist von Berlin nicht weiter entfernt als Köln und trotzdem ist es für uns Deutsche die schöne Unbekannte. Im Gegensatz vielleicht zu Krakau, das ja auch lange die Hauptstadt Polens war und mit dem größten Marktplatz Europas kokettiert.  Mehr oder weniger zufällig wurde dann in der Vergangenheit die Hauptstadt nach Warschau verlegt, das Schloss in Krakau war abgebrannt, der Wiederaufbau dauerte, und dauerte, Steffen Möller vergleicht dies gerne mit dem Berliner Flugplatz. Der zwischenzeitliche Ersatz sollte ein Schloss im dörflichen Warschau sein. Und das blieb es dann auch, Provisorien dauern bekanntlich lange, ganz lange. Besonders vielleicht in Polen. Im Krieg war Warschau die wohl zerstörteste Stadt in Europa, alle Wiederaufbau-Mittel flossen dort hin. Kein Wunder das, jedenfalls laut Steffen Möller, die Polen ihre Hauptstadt nicht unbedingt lieben. Das alles schildert er in seinem Buch humorvoll und liebenswürdig, verweist auf die seiner Meinung nach 10 Highlights, seine 10 Geheimtipps und die zehn wichtigsten Museen der Stadt. Er führt seine Leser von Krakau, dort kam er in Polen an, in eine „Legende am Horizont“ mit der er einen Pakt geschlossen habe, schreibt über seine Integrationsversuche mit seinem Mitbewohner Bolek mit typisch deutsch-polnischen Missverständnissen, über die Meister im Kombinieren, die sich immer ein Hintertürchen offenhalten, über die liebenswürdig-sympathischen Meister des positiven Pessimismus, deren Nationalhymne, typisch polnisch?; mit „Noch ist Polen nicht verloren“ beginnt und die auf Frage „Wie geht`s?“ oft mit „Das alte Elend“ antworten, die ihre Mitmenschen nur mit Vornamen anreden, für diese aber weit mehr als nur eine Koseform haben, die dann aber auch reichlich benutzt wird. Er lässt aber auch die schwierige deutsch-polnische Geschichte nicht aus, den Krieg, die Bombardierung Warschaus, den Ghettoaufstand, den Warschauer Aufstand angesichts der bereits an der Weichsel stehenden aber doch merkwürdig passiven Roten Armee,  und den Wiederaufbau der Trümmerwüste, „Auferstanden aus Ruinen“ hätte hier noch viel mehr gepasst. Verwunderlich das trotzdem Deutschland für Polen das beliebteste Land ist, 2 Millionen Polen leben hier, als Zuwanderer, als Arbeitsemigranten, als Deutsch-Polen. Und das obwohl offensichtlich Polen das Land im ehemaligen Ostblock mit der erfolgreichsten Umkehr realsozialistischer Misswirtschaft ist. Keins der ehemaligen Ostblockländer hat dermaßen viele Auswanderer. Erfolg haben Polen laut herrschender Meinung nur im Ausland, Frederik Chopin sei hier nur ein Beispiel. Ein Land, das im deutschen Geschichtsunterricht oft nur als das Land der dauernden Teilungen abgehandelt wurde, mal auf der Landkarte, mal nicht. Die letzte Widergeburt war nach 123 Jahren Fremdherrschaft erst nach dem ersten Weltkrieg als 13. Punkt der neuen Friedensordnung Europas, 2018 jährt sich dies zum 100. Mal. Seine Sprache ist slawisch, sein Selbstverständnis aber westeuropäisch.

Alles in Allem ist das Buch eine gelungene Einladung, ein Reiseführer ganz besonderer Art, in unser Nachbarland, dessen Sprache weltweit die mit den meisten Lehnwörtern aus dem Deutschen ist, oft mit dem Umweg über das jiddische in dem ein mittelalterliches Deutsch den Weg nach Osten gefunden hat. 

Gustav Förster

Möller, Steffen
Piper Verlag
ISBN/EAN: 9783492309004
10,00 €