Kleine Feuer überall

Elena Richardson lebt mit ihrer Familie, Mann und vier Kindern, in Shaker Heights, einem wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio. Eine amerikanische Bilderbuchfamilie in typisch amerikanischer Vorortidylle, alles ist heile, geregelt und aufgeräumt, die Welt ist weit weg.  Ein Haus gleicht dem anderen, der Rasen ist ordentlich gemäht, das Laub ist geharkt. Alles ist schön und perfekt. Nach außen jedenfalls. Was die Leute über einen denken ist wichtiger, als was man selber denkt. Elena ist Lokaljournalistin, sie schreibt zuverlässig, druckreif, aber auch mittelmäßig, schrecklich nett und langweilig. Ihr Mann Billy, mit dem sie seit Studentenzeiten zusammen ist, ist Anwalt.  Ihre Kinder Lexie, Tripp und Moody sind nach ihren Maßstäben wohlgeraten, angepasst, nur die Jüngste, Izzy, eigentlich Isabel, ist zurückgezogen rebellisch und die Familienaußenseiterin. In Elenas Leben ist seit Hochschulzeiten alles geplant und geregelt. Sie glaubt mit Regeln könne man die Welt verbessern wenn man sie nur befolgt. Entweder oder. Nichts dazwischen.  Leidenschaft ist für sie gefährlich wie Feuer. So einfach ist es. Ein kleines Haus, das der Familie gehört hat sie der alleinerziehenden, mittellosen Künstlerin Mia Warren vermietet, die sich dort mit ihrer Tochter Pearl chaotisch eingerichtet hat. Sie ist mit Pearl bislang unstet  von Ort zu Ort gezogen, von Projekt zu Projekt, mit ihrem Hausstand in ihrem keinen Auto. Ihr ganzes Dasein ist ihrer Kunst und ihrer Tochter gewidmet.  Nichts ist geregelt oder durchschaubar, alles dem Zufall überlassen. So wie sie aus Fotoschnipseln Kunstwerke schafft, besteht ihr Leben anscheinend auch aus Schnipseln. Und einem großen Geheimnis. Elenas Sohn Moody freundet sich mit Pearl an.  Sie bekommt bei den Richardsons nach und nach Familienanschluss. Und damit prallen zwei Welten aufeinander. Insbesondere auf Izzy üben Mia und Pearl eine geheimnisvolle Faszination aus.  Gemütlichkeit statt Ordnung, kreatives Chaos statt Perfektion, Zuwendung und Wärme statt Regeln. Bis Izzy eines Tages auf einem Bild einer berühmten Fotografin Mia zu entdecken glaubt und Elena daraufhin beginnt zu recherchieren. Die Ordnung gerät ins Wanken und eines Tages ist Izzy verschwunden „Mia hatte in ihr eine Tür geöffnet, die sich nicht wieder schließen ließ“.  Und im Haus der Richardsons lodern überall kleine Feuer.

Ein Familienroman ist dieser hochgelobte Roman sicherlich nicht. Er ist eine detailgenaue Studie amerikanischer Vortoridylle mit treffend geschilderten Charakteren und Situationen. Auf der einen Seite das geordnete Leben in Wohngebieten, so wie es sie nicht nur in Amerika gibt. Und auf der anderen Seite das kreative  Leben der Künstlerin Mia, die diese Idylle  ohne eigenes Zutun, nur durch ihre Anwesenheit ins Wanken zu bringen vermag. Das ganze würzt die Autorin, selber Kind von Einwanderern, noch mit einem Sorgerechtsstreit in dem sie den unterschwellig permanent vorhandenen Rassismus der amerikanischen Gesellschaft, geschickt auf den Punkt bringt. Der Roman ist flüssig und spannend erzählt, lässt den Leser nicht los. Die Personen sind nicht statisch, nur sympathisch oder unsympathisch. Manchmal sind sie so, dann wieder so, eben wie im wirklichen Leben. Es gibt auch kein Gut und Böse, so wie Elena es ja auch nur gut meint mit ihren Regeln. So wie Mia ihre Bilder aus Schnipseln zusammensetzt macht es auch die Autorin mit ihren Schilderungen von Menschen und Ereignissen.  In Amerika war der Roman „Kleine Feuer überall“ bereits Bestseller. Dass er es in Deutschland auch sein wird, dem steht eigentlich nichts im Wege.

Gustav Förster

Ng, Celeste
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783423281560
22,00 €