El Greco und ich

„El Greco und ich“ ist der Debütroman von Mark Thompson. Doch wer jetzt den Erstling eines Jungautoren erwartet liegt falsch. Absolut falsch. Es ist ein kluger, reifer Roman. Vielleicht auch ein wenig autobiografisch, immerhin beginnt er 1968. Und da sind seine Hauptpersonen: Der Ich-Erzähler J.J. und sein Freund El Greco, eigentlich Antonio Papadakis, Kind griechischer Einwanderer, genau wie der Autor 10 Jahre alt. J.J. und El Greco leben in einem keinen Ort in der Einöde von New Jersey an der Ostküste der USA. J.J. liebt Musik über alles. Aber nicht die Musik seines Vaters, Country, sondern die Stones. Insbesondere „Honky Tonk Woman“ hat es ihm angetan. So ist seine Enttäuschung riesengroß, als sich die LP, die er an seinem 11. Geburtstag auspackt, als Country-Scheibe entpuppt, anstatt der innig gewünschten Stones-LP. Welches Kind kennt das nicht - innige Wünsche gehen nur allzu oft mit der Sicherheit einher, genau das gewünschte nicht zu bekommen. Die Liebe zu den Stones teilt J.J. mit seinem Freund. El Greco ist klug, altklug, das klügste Kind überhaupt, meint J.J., jedenfalls kennt er kein klügeres. Er hat einfach immer Recht, vertieft sich in Atlas und Enzyklopädie, weiß auf alles eine Antwort, eine Lösung, einen Ausweg. Manchmal auch eine Ausrede, eine Ausflucht.  Er sei einfach weise. Zusammen verbringen sie ihre Zeit, liegen im Gras, schauen in die Wolken, interpretieren Wolkenbilder, sinnieren über Amerika und die Welt, träumen die Träume heranwachsender Jungs, rauchen heimlich geklaute oder aus Automaten gezogene Zigaretten und zünden dabei auch mal versehentlich eine ausgedörrtes Feld an. Aber auch hier weiß El Greco einen Ausweg. Die meiste Zeit verbringen sie auf dem Gelände einer ehemaligen Konservenfabrik wo sie auf der Kaimauer sitzen, den Wellen des Atlantiks zuschauen. Und den Möven. Dabei träumen sie von Pazifik, gegen den der Atlantik doch nur eine Pfütze sei. Dorthin zieht sie ihre Sehnsucht. Während einer Fahrt mit J.Js Vater, hier wird der Roman fast zum Road-Movie, an der Küste entlang in die Südstaaten der USA werden beide mit der amerikanischen Realität konfrontiert, lernen eine andere Seite des „american way of live“ kennen. Ihr Blick auf das Leben verändert sich. Aber sie träumen weiter, „Irgendwann werden wir ihn sehen“ sagte ich……..“Irgendwann“. „Irgendwann bald, denkst du?“ fragte er….“Irgendwann bald“ versprach ich leise „Irgendwann bald“.

„El Greco und ich“ ist ein durch und durch lesenswerter Roman, voller kindlicher Lebensweisheit und  unbedarfter Philosophie. Kinder hätten bestimmt nicht junge Männer,  noch bevor sie erwachsen werden,  in die Schweinebucht oder nach Vietnam geschickt, denkt J.J. und wünscht sich, dass die Soldaten anders von dort zurückkehren als im Leichensack.  Zur „Rechten Gottes“ möchte er irgendwann einmal auch nicht sitzen. Da wären ja schon so viele, links sei doch wesentlich mehr Platz. Es ist eine Jungengeschichte an der Schwelle zum Erwachsenwerden in der auch die Nebenpersonen nicht zu kurz kommen.  J.J´s frommer Bruder Cecil, von ihm Adolf genannt, oder, ganz beeindruckend, Old Man Taylor, ein nachdenklicher, fast schwermütiger, alterskluger Mann, zu dem es J.J. immer wieder hinzieht. Eine Geschichte mit Rückblicken auf eine Kindheit voller Erleben ohne Tablet und Smartphone. Aus dem Amerika jenseits der glitzernden Metropolen, in der auch das amerikanische Trauma Vietnam ganz nebenbei aber doch deutlich zur Sprache kommt. Ein Roman über zwei Freunde, manchmal komisch, manchmal traurig, von dem sich ein Rezensent an Tom Sawjer und Huckleberry Finn erinnert fühlt.

Gustav Förster

Thompson, Mark
mareverlag GmbH & Co oHG
ISBN/EAN: 9783866482791
20,00 €