Die Grüne Grenze

„..kein Schild wies nach Sorge. Von Osten her kommend, passierte man hinter Tanne den Kontrollpunkt. Urlauber mussten das Auto in Tanne stehen lassen. War Sorge erst einmal erreicht führten alle Wege nach Osten zurück………..Nach Elend im Norden, dem Nachbarort im Sperrgebiet, gab es keinen direkten Weg, nur den über Tanne. Was weiter kein Problem war, man musste nur den Stempel im Passierschein vorzeigen……….Auf den üblichen Karten fand man weder Elend noch Sorge. Aber sie waren den meisten ein Begriff. Die Berliner Freunde hatten sich kaum halten können: Die Wiege des Sozialismus – zwischen Sorge und Elend. Kennst doch den Witz.“

 

Elend und Sorge, zwei Orte im Grenzgebiet der DDR.  Im Sperrgebiet, nur wenige Kilometer vom anderen Deutschland entfernt, vom „Zonenrandgebiet“ wie man es dort nennt, Brocken und Wurmberg liegen sich gegenüber, beide mit Abhöranlagen, Leute vom Bundesgrenzschutz fotografieren Grenzsoldaten und die fotografieren die Leute vom Bundesgrenzschutz. Weiter weg konnte man in der DDR wohl kaum von Ostberlin sein. Nur wenig entfernt sind Wernigerode, wo die Nazis ihr Lebensbornheim hatten, und Wietfeld, wo Göring auf Jagd ging, einige Kilometer weiter der sagenumwobene Kyffhäuser und die Goldene Aue, wo in Nordhausen die Nazis ihre „Wunderwaffen“ bauen ließen, wo Barbarossa schläft, der Friedenskaiser,  dessen Widerkehr das Reich retten solle, dann aber seinen Namen hergeben musste für das Unternehmen, das statt dessen den deutschen Untergang einläutete. Hier siedelt die Amerikanerin Isabel Fargo Cole, seit 1995 Wahlberlinerin, ihren Roman an, der im Frühjahr für den Preis der Leipziger Buchmesse vorgeschlagen war.

 1973, Thomas, selbstzweiflerisch, grübelnd, unsicher, als jüdisches Waisenkind von einem russischen Soldaten im zerstörten Berlin gefunden und in Wünsdorf,  dem Hauptquartier der Sowjetarmee in der DDR aufgezogen, schreibt einen Roman über mittelalterliche Mönche im Harz, den ewigen Wanderern  auf dem Mönchsweg. Der Roman könnte der große Wurf werden, hat Honecker doch gerade kulturelles Tauwetter verkündet, wehen doch vor der UNO zwei deutsche Fahnen, schwarz-rot-gold und schwarz-rot-Gold. Seine Frau Editha, in Wernigerode zur Welt gekommen, der Vater Hans in Russland vermisst, ist systemtreue Bildhauerin heroischer Denkmäler, meist Soldaten für die Thomas Modell steht. Ihr gemeinsames Kind, Eli, ungewollt  aber da, verträumt und eigensinnig, lebt versponnen in ihrer Fantasiewelt. Diese drei ziehen aus Berlin ins Sperrgebiet,  in das ehemalige Ausflugslokal ihrer Eltern zu ihrer Mutter Magarethe, einer  systemtreuen Kommunistin. Thomas hat eine Stelle als Bibliothekar und möchte sein Buch zu Ende bringen und hört mit Sebastian, Antiquar in Wernigerode, Wyssotski-Platten.  Editha soll in Königshütte eine proletarische Kunstbrigade ausbilden. Langweiliger DDR-Alltag, offensichtlich aber immer gut überwacht.

Der erste Teil von Isabel Fargo Coles Roman spielt hier, im deutschesten aller Wälder, ein deutscher Mythos seit Jahrhunderten. Der Harz bedeckt diesen Teil des Buches mit seinem dunklen Grün. Märchenhaft mäandert er durch die Geschichte des Harzes. Und der DDR bis zu ihrem Ende. Immer wieder durchsetzt mit Fragmenten aus dem Mönchsroman mit Bruder Thietmar, an dem Thomas schreibt.  Im zweiten Teil folgt ein Zeitsprung in die 50er-Jahre, nach Wünsdorf, wo Thomas aufwächst. Später in Berlin ist er deswegen das „Russenkind“. Oder doch Deutscher? Jude? Er studiert, sucht nach seiner Identität. Und der seines Landes, der DDR. Bei Treffen in Hinterhöfen, unter Künstlern, auf Partys. Nach und nach sortieren sich die Einzelteile der Geschichten zur Geschichte „Es war ein Uhr als er (Thomas) das Haus verließ.  Er hatte noch viel Zeit, bevor es hell wurde………Und Editha stand alleine da und mußte alles organisieren……..Aber der Bürgermeister teilte ihr mit, ihr sei das Aufenthaltsrecht im Sperrgebiet leider entzogen worden.“

Isabel Fargo Cole, lebt in Berlin, hat dort studiert, hat ihr Buch auf Deutsch geschrieben. Einen romantisch, poetischen Roman, fast 500 Seiten, manchmal pathetisch, manchmal nüchtern, sachlich, immer gut lesbar. Ein Deutschlandbild ohne Klischees, ein DDR-Roman ohne Abrechnung, wie es vielleicht nur eine Amerikanerin kann, ohne emotionale Beteiligung an der deutschen Geschichte. Ihr Blick ist unbelastet. Vorbild für Thomas, das „Russenkind“, war wohl ein Bild aus dem Ehrenmal in Treptow: Ein Sowjetsoldat rettet ein deutsches Kind. Ein Roman für Leser mit Interesse an deutscher Geschichte, nicht nur der der DDR, gespickt mit Mythen, Märchen und Sagen. Absolut empfehlenswert.

Gustav Förster

Cole, Isabel Fargo
Edition Nautilus
ISBN/EAN: 9783960540496
26,00 €