Weißzeit

In Varvet erbt man alles……………Man hat die Vergangenheit im Blut, ob man will oder nicht“. Varvet ist eine abgelegene smaländische Gemeinde, weit ab in den Wäldern Südschwedens, zwischen den einzelnen Häusern liegen hunderte Meter, wenn nicht Kilometer. Weitab auch von jeder smaländischen Vintage-Idylle. Trotzdem sei dies „weitab“ komisch empfindet Vega Gillberg, die Hauptperson in Christoffer Carlssons Roman, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, „nur weil DIE weit weg sind, sollen WIR abgelegen sein“. Vega lebt dort mit ihrer Mutter, Serviererin in einer Kneipe, und ihrem Bruder Jacob. Jacob fährt hin und wieder für Onkel Dan selbstgebrannten Schnaps aus. Onkel Dan lebt nach einem Unfall, der ihn einen Arm gekostet hat, tief in den Wäldern. Man braucht lange um hin und zurück zu fahren, dafür hat man aber seine Ruhe. Eines Tages, um die Kälte los zu werden,  hat Vega gerade gebadet klingelt ein Polizist an der Tür. Vega ist er von vornherein unsympathisch und, am liebsten hätte sie ein Schrotgewehr geholt. Er fragt erst, ob ihre Mutter  zu Hause sei, und anschließend nach Vegas kurzem „Nein“ nach ihrem Alter und nach ihrem Bruder, wann sie ihn zuletzt gesehen habe. Er müsse ihn befragen, worüber könne und wolle er ihr nicht sagen. Die Karte, die er ihr gibt wirft Vega weg. Kurz darauf macht sie sich auf die Suche nach ihrem Bruder, den sie schon seit Tagen nicht mehr gesehen hat. Sie ahnt wo sie ihn finden und auch was geschehen sein könnte,  Hellmann ist verschwunden, ein unsympathischer Zeitgenosse, an dessen Haus sie, versteckt im Auto ihres Bruders, merkwürdige Vorgänge miterlebt hat.

„Messerscharf und fesselnd“ sei dieser Roman, so schrieb eine Zeitung. Recht hat sie. Kurz und knapp, lesefreundlich in kurzen Kapiteln erzählt der Autor eine düstere, bedrückende, spannende Geschichte, in der sich jenseits smaländischer  „Möbelhaus-Pippi-Langstrumpf-Idylle“  beklemmende Abgründe auftun. Der raue Ton passt zu Atmosphäre und Landschaft, alles andere wäre nur unglaubwürdig und würde der Geschichte schaden. Vega ist eine gelungene Hauptperson, so wie auch die anderen handelnden Personen. Ihr Hang zu Alkohol und Zigaretten ist politisch vielleicht inkorrekt aber absolut authentisch. Stark und mutig, manchmal aber auch ängstlich, stellt sie sich dem abgründigen Geschehen rund um sie, hin und wieder kindlich, dann wieder erwachsen, manchmal trotzig, manchmal gefühlvoll, manchmal nachdenklich, manchmal emotional. Hin und her gerissen fühlt sie sich oft einsam, dann wieder nicht. Vor allem aber weiß sie „ich gehöre hierher“. Ein kurzer, mit Musikzitaten durchsetzter Roman von knapp 200 Seiten,  Jugendbuchdebüt eines jungen schwedischen Autoren, man mag es kaum aus der Hand legen. Auch für angebliche „Lesemuffel“ geeignet, die es doch oft nur sind, weil sie nicht das richtige Buch bekommen haben. Hier ist ein Buch für sie!

Gustav Förster

Carlsson, Christoffer
Dressler, Cecilie Verlag
ISBN/EAN: 9783791500591
14,99 €
Kategorie:
buchtipp