Strandbadrevolution

Österreich 1972, Mick, eigentlich Ernst, er nennt sich Mick nach seinem Idol Mick Jagger, Hauptperson und Ich-Erzähler des Romans, hat alles, was ein 17-jähriger jener Zeit seiner Meinung nach braucht: Fahrrad, Armbanduhr, Plattenspieler, Schreibmaschine. Was er aber eben zu wenig, besser eigentlich gar nicht hat, sind Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Dies verbirgt er, ebenso wie seine Clique, Mü, Candy, Taylor und Hendrix, mit Sprüchen wie „Ora et deflora“ hinter verbaler Großspurigkeit. Halbstark eben.  Im Strandbad planen sie die für sie alternativlose Revolution gegen Establishment und Spießertum, deren erster Versuch für Candy in einer Katastrophe endet, versuchen wie viele andere auch ergebnislos Adorno zu verstehen und schauen doch viel lieber den Mädchen hinterher, und manchmal auch wohin. Zwei bisher im Bad noch nie gesehene Mädchen, Studentinnen, bringen die Clique dabei völlig durcheinander, hervorlugendes Schamhaar reicht dafür allemal. Den Sommer, eigentlich soll er ja, geht es nach Eltern und Lehrern, für die Französisch-Nachprüfung büffeln, meint Mick mit 2 abgeschnittenen Jeans und 2 alten Unterhemden stilsicher überstehen zu können, absolute und konsequente Konsumverweigerung als Maxime. Nur bei Torte sieht er großzügig drüber weg. Nebenbei versorgt er den Großvater, Jugoslawien-Flüchtling mit absolutem Einreiseverbot dort, gegen alle Verbote mit Alkohol. Sein Vater hat sich für den Sommer ein gebrauchtes Auto besorgt und verbringt einen großen Teil seiner Zeit in der Garage während die Mutter mit Haushalt und Tiefkühler beschäftigt ist. In den Ferien es soll, so wie in den 70-Jahren durchaus üblich, an die jugoslawische Küste gehen. Die Fahrt dorthin übersteht die Familie auf dem Autoput im damals üblichen Stau mit Ach und Krach. Am Ziel angekommen wird das Zelt aufgebaut, erste Urlaubsbekanntschaften werden geschlossen. Am Strand lernt Mick Anika kennen, eine gleichalterige Urlauberin aus Holland, mit der er viel Zeit verbringt und auch endlich mal zu dem kommt, was ihn immer beschäftigt hat. Nach Urlaubsende zurück in Österreich ereicht ihn ein Brief aus Holland und damit der Ernst des Lebens.

Eine gerne gelesene, locker, kurz und knapp erzählte Geschichte über das Leben eines 17-jährigen in den 70er-Jahren. Das es dabei sprachlich hin und wieder ein wenig österreichelt tut der Geschichte keinen Abbruch sondern trägt eher zur Authenzität bei, schnell hat man sich außerdem beim Lesen dran gewöhnt . In Österreich wird eben so gesprochen. Treffende Situations- und Sprachkomik runden die Geschichte immer wieder ab und machen sie zu einem Lesevergnügen. Vieles kommt in der Erinnerung bekannt vor.  Alles in Allem, so finde ich, ein unterhaltsamer, ironischer und auch nachdenklicher Roman über die Jugend in den 70-Jahren, treffend geschildert, ob in Österreich oder auch anderswo, so unterschiedlich war das erwachsen werden sicherlich nicht.

Gustav Förster

Palm, Kurt
Deuticke Verlag
ISBN/EAN: 9783552063372
20,00 €
Kategorie:
buchtipp