Lied für Dulce

Couto, eigentlich Saturnino Bayo, war vor Jahrzehnten Gitarrist der legendären Band SUPER MAMA DJOMBO mit ihrer Sängerin Dulce, der Zauberin, der Teufelin mit ihrer schwebenden Stimme, kindlich, voller Anmut, „Geheimwaffe“ der Band. Couto, früh ergraute Berühmtheit, heute Herumtreiber, zu stolz regelmäßig zu arbeiten, abgebrannter Grandsignieur.  Couto der dutur di biola, der große Doktor der Gitarre, Couto der Dun, der große Herr, Dun di ke, Herr über was, Dun di tu du, Herr über alles ……… Herr über gar nichts, mit Schmerzen in den Knien, im Rücken, in der Blase. Couto, Senhor Couto, der Gitarrist mit den Dur-Noten, damals Geliebter von Dulce, der Sängerin der Band. Sie spielten die Lieder der Unabhängigkeit und Freiheit. Sie spielten außer Rand und Band wenn Dulce sang, mit wiegenden Hüften, mit wedelnden Armen.  Jetzt ist Dulce tot. Niemand weiß was geschah. Couto erfährt es nachmittags am Telefon. Am Abend ist ein Konzert geplant. Die Stadt erwacht aus dem Mittagsschlaf und Couto, immer noch verliebt in Dulce, die ihn wegen Gomez verließ, früher Kamerad und Freiheitskämpfer, heute korrumpierter Generalstabchef und Putschist: „Ein erfolgreicher Gitarrist ist gut, aber Generalstabschef ist zweifellos besser“,  zieht voller Trauer von Bar zu Bar, lässt sich treiben, 30 Jahre Erinnerung im Gepäck. Erinnerungen an Dulce, an die großartige Zeit ihrer Liebe, ihrer Musik, ihrer Erfolge. An die Zeit der nachkolonialen Auf- und Umbrüche. Im Hintergrund wetterleuchtet, wie so oft in jener Zeit, bereits der Aufstand der Militärs, der jeden Augenblick losgehen kann. Am Abend sind sie da, alle früheren Band-Kollegen, für ein letztes Konzert, noch einmal alle zusammen für Dulce. „Wir müssen nicht nur spielen, sagte Couto. Wir müssen das verdammt heißeste Konzert geben, das die Welt je gesehen hat“. Und sie spielen während in der Stadt der lang angekündigte Aufstand losbricht, übertönen die Salven der Gewehre. „Wir spielen! Wir steigen auf die Bühne, und das erste, was wir sagen ist: Sie ist tot. Und dann sagen wir den Leuten, dass sie sich auf was gefasst machen sollen. Weil wir beschlossen haben, für sie das unglaublichste Konzert zu geben, das die Welt je gesehen hat

„Ein Lied für Dulce“ ist ein Roman über das nachkoloniale Afrika und seine Musik. Ein Roman wie ein Lied, erzählte Geschichte, fröhlich und traurig gleichzeitig. Geschickt und problemlos verknüpft der Autor dabei Fiktion und historische Realität. Den Aufstand in Guinea-Bissau gab es wirklich. Ebenso die Band SUPER MAMA DJOMBO mit ihrer Sängerin. Genauso den Generalstabschef. Couto allerdings ist fiktiv, genauso der Tod von Dulce. Ein Roman, der den Leser mitnimmt in das Afrika der Zeit, in der die koloniale Bürde abgeworfen wurde, Menschen und Länder ihren beschwerlichen, manchmal auch schmerzhaften Weg in Unabhängigkeit und Freiheit suchten. Als sie versuchten, hin und wieder auch auf Irrwegen, die Last der Kolonialzeit abzuschütteln. Als sie ihre Identität suchten. Auch in der Musik, einer Mischung aus ihren Überlieferungen und den Einflüssen der Kolonialherren. Es ist nicht das Afrika romantisch verklärter Europäerträume. Es ist das Afrika der Wirklichkeit, authentisch, weit entfernt von Folklore und farbenschwelgenden Breitwandbildern. Weit entfernt von glücklichen Menschen, meist weißer Hautfarbe, auf Veranden abgeschirmter Resorts oder in Safariecamps mit allen Bequemlichkeiten.  Ein Roman über die Musik Afrikas und die Kraft der Musik. Unwillkürlich glaubt der Leser diese Musik zu hören, sucht vielleicht nach afrikanischer Musik. Sucht nach SUPER MAMA DJOMBO. Ja es gibt sie, 2 remasterte CDs.

Gustav Förster

Prudhomme, Sylvain
Unionsverlag
ISBN/EAN: 9783293005143
20,00 €
Kategorie:
buchtipp