Als wir unbesiegbar waren

Du bist, was du tust. Nicht das, was du denkst, nicht mal was du sagst, was du tun willst, sondern was du tatsächlich tust

Irgendwie fühlten wir uns doch alle mal so, unbesiegbar. So wie Sylvie, Eva, Benedict und Lucien. Auf der Uni waren sie unzertrennliche Freunde. Das Leben liegt vor ihnen. Unbesiegbar, so wie sie sich fühlen, erwarten sie nur das Beste, wollen ihre Träume leben, ihre Wege gehen. Vielleicht sogar die Welt ein wenig verbessern. Die eher zurückhaltende Eva, ehrgeizige  Tochter eines bekennenden Sozialisten, immer heimlich in Lucien verliebt, kehrt der Uni den Rücken, „hatte keine Lust, noch 5 Jahre an meinem Doktor zu arbeiten……und auf das echte Leben zu warten. Man kann ja schön in die Sterne gucken wenn man Acht ist….“. Statt Physik macht sie macht lieber Finanzgeschäfte, glaubt an die liberale Demokratie, den Kapitalismus und gut organisierte Märkte. Sie führt ein absolut vorhersehbares Leben und scheffelt bonusgesteuert als Brokerin, auch mit Insiderwissen und Marktmanipulation, Geld bis die Wirtschaft in der Kreditkrise zusammenbricht.

Benedict stammt aus einer wohlhabenden Familie, immer in der Hoffnung, Eva für sich zu gewinnen. Er macht seinen Doktor und wird Wissenschaftler am CERN in Genf und gründet gut situiert eine Familie, lebt Familienidylle. Ohne Eva.

Die lebenshungrigen Geschwister Lucien und Sylvie, Kinder einer alkoholabhängigen Mutter, haben eher künstlerische Neigungen und träumen von einem freien, unabhängigen Leben. Der oft unzuverlässige Lucien, mit einem verhängnisvollen Hang zu  Dummheiten, Hauptsache, das Leben ist nicht langweilig, sieht sich eher als Unternehmer. Sylvie entscheidet sich für Kunstgeschichte und landet in Gelegenheitsjobs und einer Beziehung mit Robert. Ihr Baby Allegra ist behindert und wird kein selbstständiges Leben führen können. Ein Leben, so wie Sylvie es für sich überhaupt nicht erwartet hat: „…….ich stelle mir vor, ich würde einfach aufstehen und durch die Tür gehen. Einfach immer weiter. Irgendwo ein neues Leben anfangen. Oder weiterlaufen bis ans Meer. Und dann noch ein Stück weiter“.

Trotz ihrer unterschiedlichen Wege bleiben sie freundschaftlich miteinander verbunden, sind für einander da, auch im Scheitern. Das Erwachsenwerden läuft eben anders als geplant, hält geplatzte Träume bereit, gescheiterte Beziehungen, verpasste Gelegenheiten. Wie sagt Robert doch so schön zu Sylvie: „Wir beide sind nicht Romeo und Julia, aber die beiden Scheißer hatten auch kein schönes Ende“.

20 Jahre lang begleitet Alice Adams, mit Eva als Dreh- und Angelpunkt, in ihrem Roman über Freundschaft und Liebe das Erwachsenwerden der Vier. Sie schildert es über Höhen, durch Tiefen, mit wechselnden Hauptpersonen und Zeiten, aus verschiedenen Perspektiven. Manchmal auch mit Sprüngen. Aber immer gut lesbar und unterhaltsam. Die unterschiedlichen Wege der Vier sind gut nachvollziehbar, wirken nicht an den Haaren herbei gezogen. Und sind mit gelungenen Nebenrollen gewürzt,  Evas Vater in seiner trotzkistischen Selbstgerechtigkeit, ihr Kollege Big Paul, groß, dick, ungepflegt, der so gerne in Startups investiert und es genießt,  wenn Träume klirrend an die Wand fahren, Julian, Mr. Sixpack, dessen romantischer Heiratsantrag  von Evas nervigem Handy-Klingelton unterbrochen wird.

Am Ende steht die Erkenntnis „Wir haben alle eine Weile gebraucht, um herauszufinden, worum es im Leben gehen sollte“. So und nicht anders ist das Leben. Denn erstens kommt es anders  und zweitens als man denkt. Und doch ist es irgendwie richtig, so wie es kommt, das Leben. Gelungene anspruchsvolle Unterhaltung für den Sommer, gerne gelesen.

Gustav Förster

Adams, Alice
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783832198411
20,00 €
Kategorie:
buchtipp