Bretonische Spezialitäten

Der inzwischen neunte Roman um den von Paris in die Bretagne strafversetzten Kommissar Dupin. Eigentlich im westbretonischen Concarneau am Atlantik stationiert befindet er sich gerade in Saint Malo an der Kanalküste auf einem Seminar mit dem die Zusammenarbeit der bretonischen Departements gestärkt werden soll. Ein Seminar, auf dem neben dem eigentlichen Thema auch das Nebenprogramm, vor Allem das kulinarische, eine große Rolle spielt. Als Dupin während einer Pause durch die Altstadt streift geschieht in einer Markthalle fast direkt vor seinen Augen ein Mord. Eine Schwester bringt die andere um. Beide sind bekannte Spitzenköchinnen mit eigenen Unternehmen. Und beide sind nicht gut aufeinander zu sprechen. Eigentlich ist auch von Anfang an scheinbar alles klar, der Mord geschah in aller Öffentlichkeit, Täterin und Opfer sind stadtbekannt. Daher dauert es auch nicht lange bis die Mörderin festgenommen wird. Nur, sie schweigt beharrlich. So wird aus der Suche nach der Täterin die Suche nach dem Motiv. Rivalität? Eifersucht? Welche Rolle spielt eine alte Rezeptsammlung? Welche Rolle spielt die Familientradition der Schwestern, die bis in die Zeit der Korsaren zurückreicht? Welche Rolle spielt ein missglückter Grundstückskauf einer der Schwestern? Eigentlich außerhalb seines Dienstbereiches schaltet sich der einzelgängerische Dupin schnell auf eigene Faust und anfangs auch ungefragt in die Ermittlungen ein, ohne sein bewährtes Team, zu dem er nur telefonisch Kontakt halten kann. Warum auch nicht, wenn er schon mal vor Ort ist und auch fast Augenzeuge der Tat ist? Der Fall, in dem es noch zu weiteren Morden im Umfeld der Schwestern kommt, führt ihn mit Abstechern nach Dinard und das Austernzentrum Cancale tief in die kulinarische Szene der Cotes de Armor und die Geschichte der Freibeuterstadt Saint Malo und ihrer Einwohner ein, die ihrem Selbstverständnis nach weder Franzosen, noch Bretonen sondern Malouin sind („Ni Français, ni Breton, Malouin suis).

Ein Sommerroman, Krimi und Sehnsuchtsroman gleichzeitig, in dem neben der eigentlichen Krimihandlung das Umfeld, die nördliche Bretagne an der Kanalküste, nicht zu kurz kommt, steht beides doch fast gleichberechtigt neben einander. Man möchte eigentlich sofort eins, Koffer packen und ab an die Smaragdküste zwischen Cap Frehel und Cancale, vis-a-vis vom Mont Saint Michel, dort wo der Tidenhub an der Mündung der Rance schon mal 12 Meter betragen kann. In die Stadt der Korsaren, Freibeuter und Cap Horniers, mit ihrer „Ville Close“, die nach ihrer fast kompletten Zerstörung im 2. Weltkrieg originalgetreu wieder aufgebaut wurde (Literaturtipp: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr). Kein Wunder das der Autor inzwischen seit 2016 „Mäzen der Bretagne“ und Ehrenmitglied der Literarischen Akademie der Bretagne ist, wo er auch zeitweise lebt, wo er seinen Namen  entliehen hat. Ein spannender Krimi, der Appetit macht auf die Landschaft der Bretagne („Magische Bretagne“, Bildband, Köln 2019, 978-3-462-05297-8) wie auch auf ihre Küche, die mehr zu bieten hat als Crepes und Cidre („Bretonisches Kochbuch. Kommissar Dupins Lieblingsgerichte“. Köln 2016, ISBN 978-3-462-04792-9). Einfach eine Flasche Cidre entkorken, eine Packung Galettes Bretonnes öffnen und auf Balkon oder Terrasse Urlaubsfeeling genießen, garniert mit mehreren Morden und kulinarischen Streifzügen.

Gustav Förster

Bannalec, Jean-Luc
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462054019
16,00 € (inkl. MwSt.)