Alte Sorten

Sally, 17 Jahre alt, zornig, motzig, rebellisch, ist aus dem Heim abgehauen. In einem Weinberg trifft sie auf Liss, allein lebende und arbeitende Bäuerin, die sich gerade festgefahren hat. Sie bittet Sally ganz unvermittelt um Hilfe und bietet anschließend genauso unvermittelt an, Sally könne bei ihr übernachten. Aus der einen Nacht werden erst zwei, dann drei und mehr. Sie überfällt Sally nicht mit Fragen, weder nach dem woher noch nach dem wohin. Sie lässt Sally einfach sein. Etwas was Sally überhaupt nicht kennt, hat doch bis jetzt jeder versucht, sie hinzubiegen, taten immer so als wollten sie sie haben, „aber was sie wirklich wollten, war ein Spiegelbild, das sie Sally nennen konnten, damit es nicht so peinlich war, dass sie sich eigentlich immer nur selber ansahen“. Eine Last, die Sally weder tragen wollte noch tragen konnte und sich in Essprobleme flüchtet, sich ritzte. Und schließlich im Heim landete.  Liss hingegen, alleinlebend,  patent, wird im Dorf offensichtlich geschnitten. Sie scheint von einem dunklen Geheimnis umgeben zu sein. Sie geht ihrer täglichen Arbeit auf ihrem großen Hof nach, mahlt ihr Roggenmehl, schleudert Honig, brennt Schnaps, lässt Sally mitarbeiten, zeigt ihr ihren alten Obstgarten und erklärt alte Birnensorten von denen Sally noch nie gehört hat, geschweige sie geschmeckt hat. Ansonsten herrscht im Dorf ihr gegenüber schweigende, feindliche Ignoranz. Im Laufe der Zeit nähern sich Sally und die mehr als doppelt so alte Liss langsam an und offenbaren bruchstückhaft ihre Geschichten. Die eine aus ihrem Elternhaus dessen Ansprüche sie nicht erfüllen wollte und konnte. Die andere, die einer Beziehung, die  zuerst Liebe und auch glücklich war, und von Briefen, geschrieben und nie abgeschickt.

ALTE SORTEN ist ein wunderbarer, gefühlvoller Roman über zwei unterschiedliche, authentisch geschilderte Frauen, einfühlsam, manchmal auch poetisch. Zwei Frauen, die schwer zu tragen haben, auf denen, so Sally, eine Bürde schwer wie ein mit Steintafeln gedecktes Dach lastet. Ich muss zugeben, Titel und Aufmachung haben mich zuerst nicht angesprochen. Aber als das Buch dann, und das im Nachhinein gesehen absolut zu Recht, auf der Auswahlliste der Lieblingsbücher des unabhängigen Buchhandels stand, habe ich es doch zur Hand genommen und mich in seinen Bann ziehen lassen. Es ist einfach ein schönes Buch über zwei verletzte Menschen die ohne große Worte  langsam zu sich und zueinander finden indem sie sich einfach sein lassen. Es ist auch ein Buch über das bäuerliche Leben auf dem Lande, ohne es als Idylle nostalgisch zu verklären. Ein Buch, dem viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind. Die Wahl zum Lieblingsbuch hätte ich ihm gewünscht.

Gustav Förster

Arenz, Ewald
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783832183813
20,00 € (inkl. MwSt.)